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Niedrigste Gattung? Ein wunderbares Buch über Tiermalerei aus sieben Jahrhunderten

Niedrigste Gattung? Ein wunderbares Buch über Tiermalerei aus sieben Jahrhunderten

Als am 20. Januar 1648, durch Martin de Charmois – einem Mitglied des Königlichen Rates von Ludwig XIV (der König selbst war noch ein Kind) – das Dekret zur Gründung der „Académie royale de peinture et de sculpture“ (Königlichen Akademie der Malerei und der Bildhauerei) unterschrieben wurde, geschah dies unter der lateinischen Devise – „Libertas artibus restituta“, was so viel wie „Freiheit den Künsten zurückzugeben“ bedeutet. Umgehend wurde der Maler Charles le Brun mit der Organisation der verschiedenen Funktionen der Akademie beauftragt, die bis dato unter der Aufsicht von verschiedenen kleinen Unternehmen (Glashersteller, Goldschmieden, Lederfärbereien, usw.) „Kunst“ nach ihrer Façon machte und de facto darauf pochte (und achtete), dass die Finanzen verschiedener Zünfte stimmen. Le Brun wollte aber die volle Unabhängigkeit der Künste, nach dem Beispiel der Akademie Saint-Luc in Rom. Notwendig war folgerichtig die genaue Abgrenzung von all diesen finanziellen Angelegenheiten, die die Ausrichtung der neuen Akademie in ganz andere Bahnen leiten würde und letztendlich mit der eigentlichen Kunst nicht zu tun hatte.  ­­Alle Mitglieder waren sich damals einig, dass die Historienmalerei die höchste aller Künste ist. Den niedrigsten Rang nahm die Tierdarstellung ein.

Doch im Laufe der Zeit änderte sich die Rangliste – denn die Mitglieder der königlichen Familien Europas wünschten sich gelegentlich, neben ihrem Pferd oder mit ihren Hunden abgebildet zu werden – der königliche Rang verpflichtet. Und einer konnte es manchmal besser wiedergeben als ein anderer. Hinzu kam, dass Europa erst kürzlich exotische Tiere dank Entdeckungen und Reisen zum amerikanischen Kontinent wahrnehmen konnte, die es in Europa nicht gab: so ist 1514 der Elefant Hanno dem römischen Papst Leo X. vorgeführt worden, der auch von Rafael in einem Fresko verewigt wurde. Das­­­ Epitaph unter dem Lebenggroßen Fresko lautete: „Was die Natur hinweggerafft hatte, stellte Rafael wieder her“. Leider blieb das lebensgroße Abbild eines Elefanten nicht erhalten, den der Maler vermutlich nach lebendigen Exemplar malen konnte.

 Ein anderes Ereignis, das auch von größerer Bedeutung für die Anerkennung dieses malerischen Genres war, war die Ankunft in Europa des aus Bengalen (Indien) stammenden Rhinozeros – Nashorn – Clara, der 17 Jahre lang die europäische Höfe (und während etlicher Volksschauen) auch das Publikum im Staunen versetzt hatte. Zwei Jahre alt wurde sie vom Direktor der indischen Ost-Indien Kompanie, Jan Albert Sichterman in Bengalen aufgenommen, doch bald wurde das zahme Weibchen dem Direktor zu groß – er verkaufte sie dem Schiffskapitän Douwe Jansz Mout, der sie nach den Niederlanden bei seiner Rückkehr mitnahm. Clara überlebte die Reise am Bord des Segelschiffes gut (sämtliche frühere Versuche sind gescheitert) und kam unversehrt im Juli 1741 an. Mout beschloss darauf hin, das seltene Tier zur Schau zu stellen.

Er ließ ein massiven Holzkasten – Reisewagen – mit auffallend großen Räder bauen, ließ ebenfalls Öffnungen für die Fenster frei, damit Licht und Luft reinkommen und begab sich auf Reisen. Erste Reiseziel des inzwischen zwei Tonnen schweren Tieres in dem von acht Pferden gezogen Reisewagen, war Wien: ein überwältigender Publikumserfolg, Mout war schlagartig ein reicher Mann. Gar die Kaiserin Maria kam, um die Nashorndame zu sehen, der Kaiser erhob Mout in den Adelszustand. Im Januar 1749 erreichte Mout Paris: auch hier ließ sich der französische Monarch die Feier in Versailles nicht ergehen. Ludwig XV. beauftragte den bekannten Tiermaler Jean-Baptiste Oudry mit Anfertigung eines entsprechenden Bildes – Oudry hatte genügend Zeit, denn Carla bleib ganze 5 Monate dort. Ihre Geschichte gehörte zu dem ständigen Gesprächsstoff der Pariser High Society. Oudry machte ein überwältigt genaues Porträt der Nashorndame, 3×4,5 Meter groß.

Der mecklenburgische Herzog Christian Ludwig II, schickte deshalb gar seinen Sohn, den Erbprinzen Friedrich für 1 Jahr nach Paris – er wurde ebenfalls von Oudry porträtiert. Nachdem Clara weiter nach Italien zog (zwei große Bilder von dem italienischen Maler Pietro Longhi in dem Bildband bezeugen die Anwesenheit von Mout und Clara 1751 in Venedig), dürfte sich der Erbprinz aus der Versailler Menagerie 22 Ölgemälde Oudrys für den Schweriner Hof sichern. Die Clara war auch dabei: doch diese Bilder sind knapp der Zerstörung entkommen, 2003 dürfte man die Mitte des 19. Jahrhundert aus dem Rahmen genommene und zusammengerollte Leinwände in die Obhut des Paul Getty Museums in Kalifornien zur Restaurierung schicken – 4 Jahre dauerte die Rettung dieses Schatzes.

17 Jahre hatte Clara treu dem Schiffskapitän Mout van der Meer gedient und half ihm zu seinem beachtlichen Reichtum. 1758 starb sie, ganz überraschend, in der Londoner Pub The Horse and the Groom. Man hat nicht vergessen, ihre tägliche Ration zu notieren: 70 Pfund Heu, 22 Pfund Brot und ein Kübel mit 10 Liter Wasser. Normalerweise leben die Panzernashorne wie sie etwa 40 Jahre: Claras Leben endete also nach etwas mehr als 20 Jahren, weil sie vermutlich den Stress der Volksschauen doch schlechter vertrug als angenommen.

Zahlreiche ähnlichen Geschichten findet man in dem absolut aufregenden Bildband, das Lothar Schirmer, Leiter des gleichnamigen Verlages in München, pünktlich zur Weihnachten veröffentlicht: er wählte 61 Meisterwerke der Tiermalerei aus sieben Jahrhunderten (von Hieronymus Bosch und Tintoretto bis Andy Warhol, Joseph Beuys und Gerhard Richter)und hat 51 Autoren (darunter Cornelia Funke, Cees Nooteboom, Michael Krüger, Elke Heidenreich und Florian Illies) eingeladen, die Bilder (und auch die Arbeit der Maler) zu kommentieren.

Zu den Entdeckungen gehören nicht nur die exotischen Tiere, wie die erwähnte Nashorndame Carla, sondern auch die tatsächlich existierenden exotischen Vögel aus dem brasilianischen Orinoco-Gebiet oder auch eine Kuh mit der feinen Nase von Jean Dubuffet, die dem Zeitgeist auf eigener Weise in vielen Variationen parodiert: und übrigens die bekannte Käsesorte – La vache qui rit – miteinschließt. Erstaunlich auch, was die Komposition angeht – etwa das Bild Der Turm der blauen Pferde von Franz Marc, ein Bild der nur ein Produkt der Fantasie wäre, denn ersten sind die Pferde nicht blau und zweitens haben sie mit dem Turm nicht zu tun. Also doch? „Nein,“ betont Florian Illies, „es (das Bild) erzählt vom Wahrgehalt der Fiktion.“

Außer den vielen literarischen Texten ist es auch ein Buch zum Nachdenken: denn es weiß auch darauf hin, dass es in Deutschland 43% Haushalte gibt, die Haustiere halten (insgesamt etwa 43 Millionen Hunde und Katzen) – was sicherlich erfreulich ist, aber auch darauf hin, dass in der Welt täglich 150 Tierarten aussterben. Dass man sich also eines Tages eine Siamkatze als exotisches Tier vorstellen wird, ist daher nicht ganz auszuschließen.

­­­Ein Buch mit großartigen Gemälden, schönen literarischen Texten und vielen, teilweise überraschenden Erkentnissen­­ und nicht ganz bekannten oder geläufigen Fakten: Dass dabei der Fantasie der Schreibenden keine Grenzen gesetzt sind, ist daher um so erfreulicher.

Gemalte Tiere, 61 Meisterwerken aus sieben Jahrhunderten

Mit literarischen Texten von heute

Herausgegeben von Kirsten Claudia Voigt und Lothar Schirmer

160 Seiten, 61 Farbtafeln, 16. Abbildungen

Schirmer/Mosel Verlag,

München 2021

ISBN 978-8296-0921-0

Preis: 49,80 Euro



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