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Die Wüste und die Stadt – zu Fotografien von Beatrix Bossle und Jochen Steinmetz in Baden-Baden und Heidelberg

Die Wüste und die Stadt – zu Fotografien von Beatrix Bossle und Jochen Steinmetz in Baden-Baden und Heidelberg

Die afrikanische Fauna und Flora von Beatrix Bossle

Genau fünf Kreuzungen gibt es zwischen Windhuk und dem Etosha Nationalpark in Namibia, einer fast unheimlichen geraden Fläche zwischen Atlantischen Ozean und dem Inneren von Namibia, wo Berge dem Horizont enge Grenzen setzen. Eine alte Legende erzählt davon, dass Etosha einst ein Riesensee war, der entstand, als die Bewohner eines kleinen Dorfes – das eben auch Etosha hieß – massakriert wurden, nur Frauen entkamen der gruseligen Schlachterei. Eine davon begann so laut und so verzweifelt zu weinen, dass sich ein See bildete, der für immer als Erinnerung an diese Tat existieren sollte.

Selbstverständlich ließen sich viele Tierarten in der Umgebung des Reservoirs an Süßwasser nieder, vor allem während der Dürreperioden – besonders schlimm waren sie 1981 und 2019. Das Reservat gilt als eines der spannendsten im südlichen Teil des afrikanischen Kontinents, samt seiner berühmten Flamingokolonien und Elefantenherden – aber auch Tiger, Leoparden und Löwen werden hier gesichtet.

Etosha wird für Reisende oft eine Initialzündung für die Erfahrung einer seltsam anderen Welt, mit ihren besonderen Farben, fremden Gerüchen und einer atemberaubenden Naturschönheit. Die Fotografin Bea Bossle hat schon vor Jahren ihr Herz an diese Gegend verloren, fasziniert von den weiten Horizonten, dem unglaublich schnell variierenden Licht sowie der Majestät der dort lebenden Tiere.

Sie fotografiert viel in Schwarzweiß, so dass die Grauwert-Skala mit all ihren Nuancen darüber entscheidet, was man empfindet. Das menschliche Auge kann zwischen 20 bis 50 Graustufen unterscheiden, wobei der Begriff Graustufe eher irreführend ist, denn Grau ist nur eine Korrelation zwischen Weiß und Schwarz und bei jedem Individuum unterschiedlich.

In Bea Bossles meditativen Fotografien liegt die Zahl eher bei 50 als bei 20 Grautönen; ihre schwarzweißen Aufnahmen von Landschaften und Tieren erfassen das größtmögliche Spektrum zwischen sehr dunkel zu ganz hell. In ihren ruhigen schönen Bildern gelingt es ihr, die Erhabenheit dieser Natur wiederzugeben. Dies ist eher ihr Fokus, als eine zu große Nähe zu Elerfanten, Geparden oder Tiger zu suchen (wobei bei anderen oft ein sehr gutes Teleobjektiv zur Hand ist).

Die eigentlichen Gefahren lauerten auf Bossles Reisen denn auch weniger bei den Tieren als bei den Menschen. Da sie oft alleine in ihrem Allradmobil unterwegs war, musste sie selber für ihre Sicherheit sorgen. Bea Bossle hat ihr Ziel erreicht: ohne Effekthascherei ein achtsames Kartogramm einer wunderbaren Flora und Fauna zu schaffen, das sich durch Stille und eine ruhige Schönheit auszeichnet.

 Die Heidelberger Stadtstreiche von Jochen Steinmetz

Es nieselt. Es ist Abend, der Tag war für den Fotografen lang. Und jetzt, wo die Nacht all das verhüllt, was die Stadt ausmacht und wie unter einem breit aufgespannten Regenschirm die Blicke vorwiegend auf das Trottoir herunterdrückt, ertönt irgendwo Musik – und alles ändert sich plötzlich: mit Tom Petty / The Heartbreakers und seinem Song Louisiana Rain. Jochen Steinmetz weiß, wo die Mundharmonika das Gitarensolo unterbricht. Und die Bergheimer Strasse, die er jetzt überquert, erscheint ihm breiter, der Regen wärmer, die Lichter heller. Doch die Pfützen sind sehr dunkel und da sie nach längerer Belichtungszeit „schreien“, auch nicht sehr scharf.

Die Kunst ist frei und die Fotografie ist Kunst.

Es gibt einen Riesenunterschied zwischen dem für die Fotografie vermeintlich Unaussprechlichen (der DUNKELHEIT und ihre UNSCHÄRFE) und dem Aussprechlichen, was verlangt wird: der sauber und klar belichtete Augenblick. Was aber die ganz großen Fotografen der Nacht oft zu vermeiden suchten …

Es bleibt also eine andere Dimension, die sich von der klassischen Auffassung der Fotografie in vielen Punkten unterscheidet, zum Beispiel auch dadurch, dass sie Dunkelheit und Unschärfe zulässt. Für diesen schwer zu definierenden Zugang habe ich lange Zeit nach einem genaueren Zugang gesucht. Hier ist er, möglicherweise:

  „Doch ist der Abend gekommen. Es ist die seltsame und ungewisse Stunde, wo die Vorhänge des Himmels zugezogen, die Städte hell werden. Das Gaslicht breitet sich immer mehr auf dem Purpur des Sonnenuntergangs aus. Ehrenhaft oder unehrenhaft, vernünftig oder verrückt, sagen sich die Menschen: »Endlich ist der Tag zu Ende!« Die braven und die bösen Menschen denken ans Vergnügen, und ein jeder läuft zum Ort seiner Wahl den Becher des Vergessens zu trinken. Herr G. wird als letzer überall dort bleiben, wo das Licht noch strahlen, die Poesie erklingen, das Leben wimmeln, die Musik ertönen kann; überall, wo die Leidenschaft für sein Auge Modell stehen kann, überall, wo sich der natürliche und der konventionelle Mensch in einer seltsamen Schönheit zeigen, überall, wo die Sonne die schnellen Freuden des verdorbenen Tieres beleuchtet! »Das ist wirklich ein gut genutzer Tag!«, sagt sich ein gewisser Leser, den wir alle gut gekannt haben, »jeder von uns hat wohl genug Begabung, um ihn auf die gleiche Weise auszufüllen.« Nein! wenige Menschen sind mit dem Talent zu sehen begabt; noch weniger gibt es, die die Fähigkeit auszudrücken besitzen. Jetzt, zur Stunde, wo die anderen schlafen, sitzt dieser über den Tisch gebeugt, den gleichen Blick, den er soeben auf die Dinge heftete, (…). Und die Dinge werden wiedergeboren auf dem Papier, natürlich und mehr als natürlich, schön und mehr als schön, einzigartig und versehen mit einem begeisterten Leben wie die Seele des Schöpfers. Das Blendwerk ist aus der Natur gewonnen worden. Alle Materialien, mit denen sich die Erinnerung angefüllt hat, ordnen sich an, reihen sich ein, gleichen sich aus und erfahren diese zwangsläufige Idealisierung, die das Ergebnis einer kindlichen Wahrnehmung ist, das heißt einer scharfen, magischen Wahrnehmung durch die reine Unbefangenheit!”
Dies zu der Modernität des Malers Constant Guys, wie sie der Dichter Charles Baudelaire um1860 gesehen hatte und in der er eigentlich von der Freiheit der Kunst spricht, die sich nicht an Klischees orientiert.

Ergo: Wenn Jochen Steinmetz auf dem Weg von seinem Arbeitsplatz im Dezernat 16 nach Hause geht, und dabei den Weg über das Trottoir während eines leichten Regens fotografiert, visiert er nicht das Heidelberger Schloss an, sondern eben die „seltsame und ungewisse Stunde“, die diesen Abend präziser beschreibt als alle anderen möglichen Aufnahmen. Auch Baudelaire dachte übrigens beim Blick auf Zeichnungen von Constant Guys an die Musik …

Wenn also das Heidelberger Schloss zu einem platten Klischee der Stadt geworden ist, ist es legitim sich zu fragen, welche ANDEREN BILDER Menschen in dieser Stadt prägen. Sind es die Pfützen nach einem leichten Regen, den den Abend schmücken oder weiße Punkte am dunklen Himmel, wenn die Gänse auf der anderen Seite des Neckars urplötzlich zum Massenflug einsetzen… auf der Flucht vor dem einsetzenden Regen? Von der einsetzenden Nacht? Die Fotografie sucht Fragen. Nicht die Antworten.

“Die Schönheit der Stille” – Fotografien von Beatrix Bossle und Jochen Steinmetz, Kunstraum im Tannenhof, Baden-Baden, 26.11.2023 – 11.02.2024
https://www.tannenhof-badenbaden.de/kunstraum-im-tannenhof/

“Stadt” – Fotografien von Jochen Steinmetz, Willibald-Kramm-Preis-Stiftung in der Stadtbücherei Heidelberg, 15.03.2024-29.04.2024
https://kramm-stiftung.de/veranstaltung/steinmetz-2024/





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