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Menschlich und humorvoll – Robert Häussers Fotografien vom Oberrhein

Menschlich und humorvoll – Robert Häussers Fotografien vom Oberrhein

Lange mussten Fotografen mit dem unterschwelligen Vorwurf leben, dass das, was sie machen, letztendlich jeder kann und dass es keine Kunst sei, einen Fotoapparat auf ein Stativ zu stellen und auf den Auslöser zu drücken. Die Fotografen ihrerseits sind überzeugt, dass niemand, außer ihnen, imstande ist, den (auch geistigen) Aufwand zu leisten, um Unterschiede sichtbar zu machen und verstanden zu werden. Kaum ein anderes Metier bewegt sich so messerscharf zwischen Anerkennung und kompletter Verneinung, wie die Fotografie.

Robert Häusser beschloss aus freien Stücken 1968, seine kommerzielle Fotografen-Tätigkeit zu reduzieren. Bis heute sind zahlreiche Bildbände mit seinen Aufnahmen erschienen und seine Arbeiten haben auch zu großem Echo im Ausland geführt (Goldmedaille bei der 3.Biennale in Venedig 1961, Sonderpreis der Stadt San Remo und dann schließlich die seltene David Octavius Hill Medaille der Gesellschaft der Deutschen Lichtbildner (GDL – später die Deutsche Fotografische Akademie), machen deutlich, dass der Abkehr von der kommerziellen Fotografie ein großer Erfolg in der künstlerischen Sparte folgte – der letztlich in der Krönung mit der Verleihung des „Nobelpreises für die Fotografie“ , nämlich der Auszeichnung der Erna und Victor Hasselblad Foundation 1995 gipfelte.

Zum 60. Geburtstag von Robert Häusser veranstaltete man in Mannheim eine große Ausstellung. Beworben wurde sie von einem Selbstporträt mit nacktem Oberkörper und vertikal und horizontal darüber laufenden Linien, die an eine Kreuzigung denken ließen. Es war für mich ein kleiner Schock, denn ich habe Häusser als sehr zurückhaltend im Umgang mit jeglicher religiösen Symbolik erlebt und, was die Nacktheit angeht, nur eine einzige (und sehr schöne) Aktaufnahme eines weiblichen Körpers von ihm gesehen.

Die Frage, warum dieses Foto („Selbst“, 1981) einen so dominanten Platz in der Ausstellung einnahm, kann ich bis heute nicht richtig beantworten. Häusser versuchte stets eine große Klarheit in (und durch) seine Fotografien zu erreichen. Dabei fehlte es ihm aber bei allem Pathos, das einige seiner schwarzweißen Bilder enthalten, nie an Humor. Und Auftragsarbeiten, die er zu erledigen hatte, nutzte er auch dazu, für sich selbst ein paar „heimliche“ Aufnahmen zu machen, die das bestätigten, und sich nicht immer in den „publizierten“ Häusser-Bildern wiederfanden.

Nun sind seine Fotografien aus dem Dreieck Deutschland, Schweiz und Frankreich in der Ausstellung „Die Welt am Oberrhein“ – Im Zentrum der Internationalen Fotografie der Reiss-Engelhorn Museen zu sehen. Ein Mann rastet auf einer Bank, die Füße über Kreuz, ein leichter Panamahut auf dem Kopf soll ihn gegen die Sonne schützen (oder auch als eine Art Kissen fungieren.) Links von ihm scheint ein imposantes Schiff inmitten reichlicher Vegetation am Ufer gestrandet zu sein. Oder ist es noch ein Ausläufer des Altrheins, den man rechts von der Bank zu ahnen scheint? Eher unerwartet, das Treffen des Schlafenden mit dem Boot im Gebüsch.  Nicht unbedingt wird man hier eine Anspielung an Isidore Ducasse de Lautréamont aus seinen Chants de Maldoror (1869) finden: „… Beau comme la rencontre fortuite sur une machine de dissection d’une machine à coudre et d’un parapluie », der Eingeschlafene hat offensichtlich mit dem gestrandeten Schiff nichts am Hut.

Ein anderes Bild zeigt einen Acker mit Kohlköpfen auf der Insel Reichenau (1963). Häusser hat zunächst offensichtlich den Acker als einen Block mit einer imposanten Tiefenschärfe aufgenommen, bevor er sich dann umsah, einen Bauern erblicke, der offensichtlich diese Kohlköpfe aufsammelte, während im Vordergrund ein Traktor stand und hinter ihm ein Kinderwagen. Bei der monotonen Musik eines wohlriechenden Diesel-Zweitaktmotors dürfte das Baby sanft schlafen.

Neben dieser humorvollen Seite von Robert Häusser ist auch seine Empathie zu betonen – etwa mit dem „Einsamen Gast“ (Oberehnheim/Obernai in Elsass, 1966), der, ärmlich gekleidet, vergeblich auf einen Kellner wartet. Möglicherweise sind die Feierlichkeiten vorüber und der Gast ist nur müde: Dennoch, einsamer als in dieser Fotografie kann man kaum sein. Denn als Kontrast zeigt die Fotografie auf der gegenüberliegenden Seite, wie prallvoll es in einer anderen Winstub in Obernai zugeht.

Auf der anderen Seite blättert man auch in jenen Luftaufnahmen, die eher als Auftragsarbeiten durchgehen: das Viernheimer Kreuz, wo die Autobahn eine Arabeske in der Landschaft beschreibt, oder der Mannheimer Industriehafen gespickt mit wie vom Lineal gezeichneten Pipelines in der Erdölraffinerie der Friesenheimer Insel (Nord Mannheim) – mit der obligatorischen Referenz an die untergehende Sonne, die den Pipelines eine geometrische Grundform verleiht.

All diese Aufnahmen wurden für die Zweimonatszeitschrift „Die Welt am Oberrhein“ produziert, die von 1961 bis 1965 im Braun Verlag in Karlsruhe erschien. Die ersten Jahrgänge bis 1963 wurden fast ausschließlich mit Häussers Fotografien bestückt. Noch weitere zwei Jahre steuerte er immer wieder neue Bilder dazu. Häusser hatte meist freie Hand in der Wahl der Motive: also eine freie Auftragsarbeit, wenn man so will….

Fazit: Die Welt am Oberrhein präsentiert vor allem Häussers Fotografien aus dem Anfang der 1960er Jahre. Die Industrialisierung schreitet mit verschiedenen Geschwindigkeiten in diesem Dreieck voran, Deutschland scheint da deutlich den Ton anzugeben. Nichtsdestoweniger findet Häusser überall noch eine Art von Menschlichkeit, Anteilnahme und ungekünstelten Humor, Eigenschaften, die – so scheint es – in der heutigen Fotografie nur noch wenig Platz haben. Es reicht, an die schöne Aufnahme des lächelnden Entertainers und Kochs Vico Torriani in seinem Basler Restaurant „Rôtisserie La Bonne Auberge“ zu denken, um zu erahnen, dass seine Geste nur dem Fotografen galt und nicht etwaigen Influencern, die die aus dem Hintergrund die Atmosphäre kommerziell aufbereiten würden – was ohnehin die schwarzweiß Fotografie schlecht verträgt.

Und in der parallelen Ausstellung der Galerie Döbele konnte man Häusser auch als Beobachter der Zärtlichkeit sehen, etwa in der Fotografie eines Paares beim Tanz im elsässischen Wissembourg/Weissenburg (1961).

Katalog

Welt am Oberrhein

Fotografien von Robert Häusser aus den 1960er Jahren

22 EUR, erhältlich auch in der Galerie Döbele Mannheim



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