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Glanz des italienischen Barock – Guido Reni im Frankfurter Städel

Glanz des italienischen Barock – Guido Reni im Frankfurter Städel

Schwer dürfte es gewesen sein, als der Zeichenlehrer zu klären versuchte, wo der irdische Himmel endet und der göttliche beginnt. Wie sollte man sich vorstellen, dass eine Figur in den unendlichen Höhen des Raumes aufsteigt – ohne jegliche Hilfe?  In diesem beginnenden 17. Jahrhundert war die katholische Kirche – nicht nur in Italien oder Spanien – die „Hüterin“ des Wissens, also auch der Macht. Sie verbreitete ihr Dogma ohne Wenn und Aber, und diejenigen, die sich gegen sie stellten, galten als Ketzer und wurden von Inquisitions-Behörden verfolgt. „Die heilige Römische und Universale Inquisition“ (Heiliges Officium) wurde durch den Papst Paul III 1542 gegründet: ihre Aufgabe war der Schutz des katholischen Glaubens. Schon ein häretisches Buch konnte daher Unglück anrichten, indem darin beispielsweise an der Himmelfahrten verschiedener Heiligen gezweifelt wurde. Der Fortschritt aber ließ sich nicht anhalten. Der erste Satellit – Sputnik 1 – startete am 4. Oktober 1958 tatsächlich zu einer Himmelsfahrt und verglühte nach 92 Tagen – am 4. Januar 1958, Die Kirche habe sich aber Zeit gelassen: Das Officium wurde erst 1965 vollständig abgeschafft.

Als Guido Reni geboren wurde, am 4.11.1575, war die Macht der Kirche noch ungebrochen. Nach außen äußerte sich dies durch unermesslichen Reichtum, der sich in dem Dekorum der Kirchen und Ausstattung der privaten Paläste der kirchlichen Funktionäre zeigte. Die Künste erlebten in dieser Zeit einen immensen Aufschwung, nicht nur in Italien oder Spanien. Guido Reni wuchs in einem musikalischen Elternhaus auf und genoss selbst auch eine entsprechende musikalische Ausbildung, was sicherlich dazu beitrug, dass die Darstellung musizierender Begleiter in vielen seiner berühmten Bilder wie selbstverständlich dazu gehörte und die dargestellten Instrumente den realen entsprachen.

Mit neun Jahren begann er sein Studium beim flämischen Maler Denys Calvaert, dessen Schule weit über die Stadtgrenzen Bolognas bekannt war (auch Domenichino zählte zu seinen Schülern). Erst als die Gebrüder Carracci eigene Malakademie öffneten und immer mehr Studierende von Calvaert dorthin wechselten, begann sein Stern zu sinken. Auch Reni wechselte zu den beiden Carracci. Was er jedoch von Calvaert mitnahm, war seine spezielle Technik, auf einer Kupferplatte zu malen, die Calvaert sehr oft für kleinere Formate benutzte. Im Unterschied zur Malerei auf Holz oder auf Leinwand verändert sich die Oberflächenstruktur der unter den verschiedenen klimatischen Bedingungen entstandenen Bilder auf Kupfer kaum: ihre Leuchtkraft bleibt, unter Craquelé haben sie nicht zu leiden.

Zum 200-jährigen Jubiläum der Städel-Stiftung erhielt das Museum Guido Renis Frühwerk „Himmelfahrt Mariens“ – ein Hauptwerk der frühbarocken italienischen Malerei und vermutlich das erste einer ganzen Reihe ähnlicher Darstellungen. Reni war, als er es um 1596/97 auf Kupfer malte, etwa 21 oder 22 Jahre alt und studierte noch bei den beiden Carracci, bevor er, ein Jahr später, beim Ankauf eines seiner Werke den Vortritt vor den beiden Brüdern bekam – und das, obwohl sein Gemälde um einiges teurer war. Was den Bruch 1598 mit den Brüdern Carracci bedeutete. Und Reni machte sich auf den Weg nach Rom.

Die Himmelfahrt Mariens kam in die Sammlung des Kanonikers des Doms San Pietro in Bologna, des Juristen Astorre di Vincenzo Sampieri, der der eigentliche Auftraggeber war. Dank ihrer sorgfältigen Ausführung behielt die Himmelfahrt über Jahrzehnte ihre Frische. Grund genug, das Bild lange im Familienbesitz zu halten, bis es 1811 in die Sammlung des Eugène de Beauharnais gelangte (Vizekönig Napoleons und späterer Herzog von Leuchtenberg), der es mit nach München nahm.

Die jetzige Ausstellung im Städel geht von diesem Schlüsselwerk auf einer relativ großen Kupferplatte (58 x44,4 cm) aus und vergleicht es direkt und indirekt (im Katalog) mit den verschiedenen Versionen dieses Themas, das Reni sein Leben lang beschäftigte, bis hin zu der vermutlich letzten Variante aus den letzten Lebensjahren: mit der Himmelfahrt Mariens, um 1640, Öl auf Seide, 295×208 cm, aus der Alten Pinakothek in München.

Neben einer detaillierten Analyse verschiedener Bildelemente kann man sich eine Idee machen, was für eine Bedeutung das Thema in dieser Frühbarockperiode hatte: die beiden Lehrer Renis, Annibale und Agostino Carracci, haben sich der Himmelfahrt ebenso angenommen, wie viele weniger bekannte Maler jener Zeit. Aus den etwa 14 Versionen verschiedener Barockmaler, die im Katalog akribisch analysiert werden, geht Guido Reni als eindeutiger Sieger hervor, was die malerische Ausdrucksweise wie auch die Leuchtkraft seines Bildes angeht. Man versteht schließlich, dass jedes neue Material, das er verwendet, eine Herausforderung für ihn ist, die sich aber an den frühen Bildern zu messen hat und gleichzeitig Ansporn für eine noch perfektere Komposition ist.

Daher ergänzen zahlreiche Zeichnungen, Skizzen und Studien die Ausstellung. Man kann nur staunen, mit welcher scheinbarer Leichtigkeit es ihm gelingt, verschiedene Gemütsausdrücke etwa in seinen Kopfstudien – zum Beispiel jene des aufblickenden Mannes, (1620-1630) – wiederzugeben.

Man hat Reni den Göttlichen genannt, vor allem da, wo er auf eine unnachahmlichen Weise nicht nur christliche Themen zu illustrieren wußte: das gleiche gilt auch etwa für Ovids Metamorphosen oder für seine Studien zu verschiedenen Fresken. Es ist daher nicht unwichtig, welches Ephitheton Ornans man ihm zuschreibt – auf jeden Fall gehört er zu jener Spezies an Künstlern, die sich nie mit einer einfachen, naheliegenden Ausübung eines Metiers in dieser hochspannenden Zeit zufriedengaben. Guido Reni ist ein unerreichbares Genie des italienischen Frühbarocks.  

Guido Reni (1575–1642)
Hippomenes und Atalante, um 1615–18 Öl auf Leinwand, 206 x 297 cm
Museo Nacional del Prado, Madrid
Foto: Museo Nacional del Prado, Madrid





Guido Reni – Der Göttliche

22.12.2022

Städel
Frankfurt / Main
Deutschland

www.staedelmuseum.de




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