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Einer der Innovativsten – Ernst Ludwig Kirchner bei den Internationalen Tagen Ingelheim

Einer der Innovativsten – Ernst Ludwig Kirchner bei den Internationalen Tagen Ingelheim

1913 schrieb der 33-jährige Maler Ernst Ludwig Kirchner eine Chronik der Künstlergruppe Brücke, die Anfang Juni 1905 in Dresden gegründet worden war und zu der Erich Heckel, Fritz Bleyl, Karl Schmidt-Rottluff und Ernst-Ludwig Kirchner gehörten. Später gesellten sich Max Pechstein, Otto Mueller und Cuno Amiet dazu, sowie, für kurze Zeit, Emil Nolde und Kees van Dongen, wobei diese letzten zwei keine wesentliche Rolle in der Orientierung der Gruppe spielten. Die anderen – auch sie geschult an Nietzsches Thesen in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ – haben schnell begriffen, dass es Kirchner (und auch seinen Mitläufern) darum ging, eine völlig neue Basis für die Kunst des 20. Jahrhunderts zu entwerfen, in der die Verbindung mit der Natur eine wichtige Rolle spielte und die Unverfälschtheit der Empfindungen absolute Priorität hatte.

Lou Andreas-Salomé war ebenfalls eine empfindsame Seismographin des Zeitgeschehens nach der Erscheinung von Nietzsches Buch. Sie deutete seine „ewige Wiederkunft“ als eine Umkehrung der Philosophie Schopenhausers. In buddhistischer Sprache habe Nietzsche die Bejahung des Samsara, des ewigen Kreislaufs des Leidens, als höchstes Ziel gesehen, während Schopenhauer wie der Buddhismus das Nirwana als Ende des Samsara anstrebte. Diese Deutung verweist auf einen Aphorismus Nietzsches aus Jenseits von Gut und Böse:

„Wer, gleich mir, mit irgend einer räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; wer wirklich einmal mit einem asiatischen und überasiatischen Auge in die weltverneinendste aller möglichen Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat – jenseits von Gut und Böse, und nicht mehr, wie Buddha und Schopenhauer, im Bann und Wahne der Moral –, der hat vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, so wie es war und ist, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, unersättlich da capo rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat – und nöthig macht: weil er immer wieder sich nöthig hat – und nöthig macht – Wie? Und dies wäre nicht – circulus vitiosus deus?“  

Ernst Ludwig Kirchner: Badende Frauen zwischen weißen Steinen, 1912, Farbholzschnitt, Kunsthalle Hamburg

In den Kreidezeichnungen, Aquarellen, Kohlezeichnungen, Farblithographien, Holzschnitten und Gemälden wird die natürliche Nacktheit zelebriert; das Leben, das sich in den Bildern widerspiegelt, scheint kein Leid und keine Beschwerden zu kennen. Doch das ändert sich gründlich, als sich Kirchner nach seiner Übersiedlung nach Berlin (1911) zwei Jahre später verpflichtet fühlt, eine Chronik der Aktivitäten der Künstlergruppe aufzuzeichnen, wobei er sich offensichtlich als „Hauptakteur“ in den Vordergrund stellt: „…seine Bedeutung für die Künstlergruppe stark überbetonte“, heißt es dazu im Katalog.

Mit dem Umzug in die Großstadt endete eine fast unbeschwerte Zeit, zumindest was die künstlerische Themenwahl anging: Hier lebte es sich schneller, doch auch anonymer. Kirchners beinahe stenographische Notizen geben ein beredtes Zeugnis davon, wie radikal sich seine künstlerischen Positionen geändert haben. Es sind jetzt die Kokotten, die seine Aufmerksamkeit beanspruchen, möglicherweise auch deswegen, weil die Berliner Sittenpolizei ihre Zivilstreifen herumschickte, denn die Prostitution war strafbar und  Bordelle verboten.

Kirchners Versuch, gemeinsam mit Pechstein in Berlin eine Malschule neuen Stils zu gründen, scheiterte. Kirchner fühlte sich zunehmend isoliert und allein. Die einstige unbeschwerte Fröhlichkeit war dahin und die Leichtigkeit im Pinsel,- oder Zeichenstift  verschwunden. Spuren davon, wie seine persönliche Entwicklung hätte weitergehen können, finden sich noch in den Arbeiten aus der Insel Fehmarn (Sommer 1912, 1913 und 1914), wo zahlreichen Kreide- und Papierarbeiten entstanden sowie an die 100 Gemälde. Doch 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, Kirchner meinte, die Flucht nach vorne ergreifen zu müssen und meldete sich als „unfreiwilliger Freiwilliger“. Das Ergebnis war eine Katastrophe und endete mit dem Zusammenbruch des Malers. Ein Sanatoriumsaufenthalt war die Folge, neben Veronal nahm er Morphium und verschiedene Aufputschmittel; Alkohol half zu vergessen. Die Füße wurden schwach, die Hände verkrampft.

Acht Jahre lang nahm Kirchner Morphium, bis er, während eines Aufenthaltes in der Nähe des schweizerischen Davos, wohin er im Juli 1918 umzog, endlich zur Ruhe kam. Thomas Röske – der Leiter der Heidelberger Prinzhorn Sammlung – sieht in seinem Katalogbeitrag den Grund für den sich zunehmend verschlechternden Gesundheitszustand vor allem in der „Angst um sein künstlerisches Schaffen“. Eine plausible Vermutung, die sich auch in der Themenwahl seiner Illustrationen findet: die Technik seiner Illustrationen zu Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, in der dem Protagonisten sein Schatten gestohlen wird, entspricht dem eines Selbstporträt aus dem Jahr 1917 – ein Selbstbildnis im Morphiumrausch, das besser als alle anderen Bilder jener Zeit seine psychische Verfassung zusammenfasst.

Ulrich Luckhardt, der bisherige Leiter der Internationalen Tage in Ingelheim, kuratiert mit Kirchner seine letzte Ausstellung und setzt damit die Reihe seiner erfolgreichen Präsentationen fort (Emil Nolde 2017, Paul Klee 2020, Käthe Kollwitz 2021 und Edvard Munch 2022). Er hat die fünf Ausstellungsräume thematisch ansprechend aufgeteilt. 20 Blätter aus Privatbesitz ergänzen die exquisiten Leihgaben verschiedener Museen und Galerien. Die Hauptidee der Ausstellung, dass man es bei Kirchner mit einem hervorragenden Erneuerer moderner Kunst zu tun, findet sich ausdrücklich bestätigt.

Kunstforum Ingelheim – Altes Rathaus. Bis 9. Juli.

www.internationale-tage.de



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