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1,5 Grad – eine Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim

Die Sonne ist kaum zu sehen, obgleich es Mittag ist. Am 27.4. 2022, steht die größte Mülldeponie im Osten der indischen Hauptstadt Delhi schon seit drei Tagen in Flammen. Der Brand hat sich wegen Temperaturen von über 40°C selbst entzündet, da der Anteil von Methan zu groß war. New Delhi produziert täglich etwa 12 000t Abfall, der hierher geschafft wird. Für viele Einwohnerinnen und Einwohner der 20 Millionen Stadt bedeutet das Feuer akute Lebensgefahr, denn die Luft ist voller toxischer Gase. Der Regierung wird vorgeworfen, dass sie nichts dagegen unternimmt. Die Müllhalde ist etwa 65 Meter und annähernd 50 Fussballfelder groß. Böse Stimmen behaupten, dass Delhi, wenn der Deponieberg 73 Meter überschreiten wird, an ihren Giften ersticken wird, da die Müllhalde dann das Nationaldenkmal Tadj-Mahal überragt und die Götter endgültig bis zur Glut erzürnt werden. Fast alle indischen Großstädte kämpfen mit dem gleichen Problem. Wissenschaftler wissen auch, wer schuld ist an diesem Desaster: ein globaler Mangel an koordinierter Abfallbeseitigung und an der Entwicklung einer tragfähigen Abfallwirtschaft.  Die Wissenschaftler sehen vor allem für die indische Hauptstadt schwarz, in der es noch drei weitere Deponien gibt – zwar kleine, aber mit den gleichen Problemen. Und das Menetekel im Hintergrund ist: Was passiert, wenn es auch an Wasser mangelt, um diese tückischen Feuerherde zu löschen?

Knapp ein Jahr später zeigt die Mannheimer Kunsthalle eine Ausstellung, die mit ihrem programmatischem Titel 1,5 °C  das Ziel aller Bestrebungen zur Begrenzung des Klimawandels definiert. Sollte die Erderwärmung die 1,5° C  Grenze überschreiten, ist das Leben auf unserem Planeten in ernster Gefahr. Bei der Eröffnung der Ausstellung (fast genau ein Jahr nach der Tragödie in New Delhi), musste man die Angaben korrigieren: man spricht jetzt von 2°C, was eigentlich sagen will, dass das Phänomen, das uns erwartet, schon früher eintritt.

Auf eine solche Situationsänderung konnten nicht alle 40 teilnehmenden Künstler reagieren. Umso mehr hätte man sich gewünscht, dass diese Bedrohung eine stärkere Mobilisierung der menschlichen Kreativkräfte, um die Ökobalance der Erde zu wahren, bewirkt hätte, als es jetzt der Fall ist.

Inwiefern die Werke überhaupt das Thema berühren (oder auch nicht), würde zu einem anderen, viel größeren Kapitel gehören. Genauso wie einige Thesen der Autoren der Katalogbeiträge, die mühelos in den vergangenen Jahrhunderten fischen, als der Klimawandel nicht im Entferntesten ein Thema war (auch nicht bei Jules Verne, der bekanntlich seine Heroen bis ins Zentrum der Erde schickte, wo es naturgemäß sehr heiß war und ist), und einen Kant, einen Caspar David Friedrich oder Philosophen des frühen 20. Jahrhunderts bemühen, so auch Jean-François Lyotard in der englischen Übersetzung seiner „Condition postmoderne. Le rapport sur le savoir“. (Hier handelt es sich um die verschiedenen Domänen des Wissens, wobei Lyotard genau definiert, worum es in der modernen computergenerierten und computergesteuerten Welt geht: die wissenschaftliche Erkenntnis fußt  in der Abhängigkeit von der Binarität und der Transmission der Zeichensysteme: „On Lyotard’s account, the computer age has transformed knowledge into information, that is, coded messages within a system of transmission and communication. Analysis of this knowledge calls for a pragmatics of communication insofar as the phrasing of messages, their transmission and reception, must follow rules in order to be accepted by those who judge them. However, as Lyotard points out, the position of judge or legislator is also a position within a language game, and this raises the question of legitimation. As he insists, “there is a strict interlinkage between the kind of language called science and the kind called ethics and politics” (so die englische Version von Lyotard 1984, op.cit.). Im Grunde genommen bringt Lyotard einen Richter (oder Legislator) ins Spiel, der über die Regel wacht, der sowohl die Wissenschaft wie auch die Politik (und eo ipso auch die Ethik) zu gehorchen haben.

Doch für die Autorin eines Katalogbeitrags, die Lyotard bemüht, geht es darum, eine Ästhetik des Anthropozäns zu legitimieren: „Wird in Ausstellungen (….) eine ‚Ästhetik des Anthropozäns‘ beschworen, geht es dabei meist allgemein um die ökologische Krise, Klimawandel, Müll, Artensterben oder der Koexistenz mit anderen Spezies, mit denen sich Kunst zu befassen habe – und schon haben wir eine Ästhetik.“ Solche Kunst „soll das sehr abstrakte Konzept Anthropozähn denk- und wahrnehmbar machen, eine Alternative zum Diskurs von Wissenschaft und Politik bieten und so neue Instrumente des Denkens zur Verfügung stellen…“ – whatever it means. Das Problem liegt aber anderswo.

Diese „fumisterie“, wie es Lyotard sicherlich nennen würde, in der alles durcheinandergeworfen wird, hat glücklicherweise mit Kunst (und auch mit Ästhetik an sich) wenig zu tun. Die primäre Gefahr eines leblosen Planeten infolge fortschreitender Erwärmung lässt eigentlich solches Schwadronieren gar nicht zu. Hier wäre beispielweise der Platz für die aufrüttelnden Aufnahmen von Kindern, die in dem Rauch der brennenden Ghazipur-Deponie nach Essbarem suchen und statt anthropozähem Gesang wären die Klagen der jungen Mütter zu hören, die die toxischen Gase einatmen, was zu Fehlgeburten führt. In der unmittelbaren Umgebung dieser Deponie leben etwa 20 000 Menschen.

In der Mannheimer Kunsthalle versucht man den 40 übereinander gestapelten und von innen beleuchteten Kühlschränken (Bahzad Sulaiman) einen Hauch von klimawirksamer Warnung (FCKW!) zu entlocken, dito in den kunstvoll gehäkelten „Korallen“  von Margaret und Christine Wertheim (Satellite Reef) eine mögliche Lösung für das so gefährliche Verschwinden von Korallenriffs dieser Erde zu sehen, das sich stets wiederholen wird, bis aus der „reinen Gefährdung“ eine Katastrophe wird.

Auch schwierig ist das Verständnis für den Glanz des herbeizitierten Pferdes von Marino Marini, das seinen Reiter abwirft (Miracolo 1953, aus der Sammlung der Mannheimer Kunsthalle), und das in der unmittelbaren Nachbarschaft der Animation von Marianna Simnett steht, wo eine Stute trächtig gemacht werden soll, die sich aber erfolgreich dagegen wehrt: sie tritt den Hengst in die Genitalien. Freilich kein allzu heroischer Akt angesichts der „Befreiung“ des Tieres von seinem Reiter bei Marini.

Und noch ein Bild, das daran zweifeln lässt, ob sich wirklich alles schlüssig unter die Klimafragestellung pressen lässt: Günther und Loredana Selichar fahren mit ihrem Auto an einer ländlichen Straße entlang. Zuvor haben sie ihre Windschutzscheibe perfekt sauber gemacht, eine Kamera im Interieur befestigt mit genauem Fokus auf diese Windschutzscheibe. Sie fahren los. Immer mehr Insekten prallen gegen die Scheibe, bis die Sicht fast unmöglich ist. Wird hier das Insektensterben bedauert? Und inwiefern hat dieses Insektensterben Einfluss auf die sich nähernde Klimakatastrophe? Wenig, viel?

Das Weiterfragen hilft nichts, sobald die Stringenz verloren geht. Auf der anderen Seite: Hätte man sich nicht vorgenommen, sämtliche der gefährlichen Phänomen der globalen Aufwärmung näher zu beleuchten und die gesamte Ausstellung als globale Warnung zu verstehen, ginge der Sinn dieser Ausstellung verloren – sie gibt zunächst mal nur Hinweise, ohne eine stringente und praktikable Lösung  anbieten zu können.

Doch der entscheidende Punkt ist letztendlich die Frage, wie die besten Lösungen angesichts der globalen Gefährdung des Planeten global umzusetzen sind. Zur Zeit ist es so, dass Beschlüsse der Klimakonferenzen auf unserer Erde eher in der Domäne des Absichtserklärungen landen als in die Realität münden.

Wenn ich diese Ausstellung richtig verstehe, ist sie ein Versuch, einige Prologomena zu etablieren, die notwendig sind, um das Leben auf diesem Planeten weiterhin möglich zu machen. Und das ist viel, sehr viel, auch wenn einige Ausstellungsbeiträge wenig oder gar nicht das Thema berühren.



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