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Die Suche nach dem Sinn – Collagen von Andrzej Urbanski

Die Suche nach dem Sinn – Collagen von Andrzej Urbanski

      

„Tout grand art, même moderne – surtout moderne – ressuscite avec l’art du passé la voix éternelle de l’artiste.

Nous disposons de plus d’œuvres significatives, pour suppléer aux  défaillances de notre mémoire, que n’en pourrait contenir le grand musée.“

(Jede große Kunst, selbst die moderne – besonders die moderne – lässt mit der Kunst der Vergangenheit die ewige Stimme des Künstlers auferstehen. Wir besitzen, um die Schwächen unserer Erinnerung zu kompensieren, mehr bedeutende Werke, als das größte Museum enthalten könnte.) 

(André Malraux, Musée imaginaire)

Seit 1979, also seit über vier Jahrzehnten, lebt der in Krosno/Polen geborene Maler Andrzej Urbanski in Heidelberg. Als er sein fünfjähriges Studium an der Kunstakademie für Bildende Künste in Gdansk beendete, war er gerade 25 Jahre alt. Fast unmittelbar nach seinem Studium stellte ihn die Akademie für vier Jahre als Assistent an. Offensichtlich traute man ihm zu, bereits in jungen Jahren so viel Erfahrung und Ideen zu haben, um dieses Wissen einer jüngeren Generation zukünftiger Künstler weitergeben zu können. Kurze Zeit später entschied sich Urbanski, Polen zu verlassen, um dann in Heidelberg zu leben und zu arbeiten.

Hier suchte er den Kontakt zu Heidelberger Künstlern und Galerien. Sehr schnell erkannte man die Qualität seiner Arbeiten und hieß ihn daraufhin in der Künstlervereinigung der Heidelberger Künstlergruppe 1979 willkommen. Eine erste Ausstellung fand schon 1988 in Karlsruhe statt, gepaart mit dem Erkenntniss, dass die Welt der Kunst im Westen anderen Gesetzen gehorcht, als es in den Ländern des einstigen Ostblocks der Fall war. Seitdem hat Urbanski seine Arbeiten in etwa 240 Ausstellungen hierzulande gezeigt und war unter anderem an Gruppenausstellungen in Polen, Prag, Athen, Bautzen beteiligt. Schon diese Bandbreite und die mehr als 2500 Werke, die er in diesen mehr als 40 Jahren seiner künstlerischen Aktivität in seinem Atelier geschaffen hat, sprechen Bände.

Prinzipiell handelt es sich dabei um Arbeiten auf Papier – gelegentlich Zeichnungen, hauptsächlich jedoch Collagen – oder Malerei. Die gegenwärtige Ausstellung im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg besteht einerseits aus Collagen und andererseits aus großformatigen Ölbildern – das Verhältnis zwischen Collagen und großformatigen Bildern spiegelt indirekt auch die Proportion seiner üblichen Schaffensweise wieder: die Collagen, da viel kleiner sind natürlich die Mehrheit.  Ihr gemeinsamer Nenner ist aber die Abstraktion. 

Der Ursprung dieser Collagen ist recht unterschiedlich: Mal kann es ein spontaner Einfall sein, beispielsweise wenn die Oberflache der zu bearbeitenden Collage irgendwelche Muster oder auch Unebenheiten ausweist. Es können aber auch verschiedene Farbflächen den Ausgangspunkt bilden oder auch eine urplötzliche Erinnerung einer Lektüre oder eine sich in das Gedächtnis eingeprägte Reminiszenz. Da es sich meist um Kleinformate handelt, sind sie schnell zur Hand und regen immer wieder zu neuen Variationen an. 

In der Vergangenheit wurde immer wieder – in Anbetracht der unendlichen Varietät der Motive in seinen Collagen – auf das „Musée Imaginaire“ von André Malraux hingewiesen, wohl ignorierend, dass Malraux damit das Ziel verfolgte, anhand von Reproduktionen jedem eine Welt der großen Kunstwerke der Menschheit zur Verfügung zu stellen. Denn der Gang ins Museum war (und ist immer noch) nur einer Minderheit möglich. Anhand zahlreicher Beispiele, die in seinem Buch sehr schön inszeniert wurden, sollte sich dann jeder seine eigene Vorstellung bilden und dadurch den Weg zu neuer, moderner Kunst finden können (die prozesshaft ist und sich selbstverständlich nicht als eine nur lineare Entwicklung der Wahrnehmung früherer Kunstwerke begreifen lässt). Dazu war daher ein Inventar verschiedener Kunstwerke weltweit nötig, in der beispielsweise auch die asiatische oder ozeanische Kunst Platz fanden (Malraux‘ Verdienste um die asiatische Kunst und sein Engagement etwa für die Museen in Vietnam sind beispielhaft). Allerdings ist Malraux dabei von der Skulptur und nicht von der Malerei ausgegangen, und seine dreibändige Abhandlung bezieht sich ausschließlich darauf.

Um all diese Prämissen weiß auch Andrzej Urbanski – da sehr belesen und ebenfalls gut informiert, was die zeitgenössische Kunst angeht, verfolgt er doch beständig das Kulturgeschehen unserer Zeit. So heißen einige seiner Collagen „Aus dem Buch der Zitate“, „Hades“, „Mefisto“, „Terra incognita“ oder „Thanatos“: alles Titel, die nicht unbedingt einen nur kunsthistorischen Hintergrund haben, sondern sich auch auf den allgemeinen Kulturkanon beziehen. Einige Arbeiten beziehen sich dagegen auf Alltagserlebnisse, andere schreiben sich wiederrum in die klassischen Begriffsfelder der Kunstgeschichte ein: Raum oder Räume, Raum und Form, Im Laufe der Zeit, Privatarchiv oder Erinnerung, so einige andere Titel seiner Collagen.

Es ist stets der persönliche Horizont, der ein Thema bestimmt, wobei die Technik stark variieren kann: An verwendeten Materialien ist von „Objets trouvés“ wie Briefmarken, Briefumschlägen, Reklamen, Buchseiten, Landkarten alles dabei, ergänzt von ausgeklügelten räumlichen Gebilden, die sich überlagern, gen Unendlichkeit öffnen oder variantenreiche Horizonte bilden. Jeder Strich, jede Pliage des Papiers, jedes Objekt, das hier Platz findet, ist ein Ausdruck eines tiefen Zusammenspiels zwischen Intellekt, Gefühl, Empfinden der Zeit (und in der Zeit), sowie eine Reaktion auf Ereignisse des Tagtäglichen. In einigen seiner Collagen integriert Urbanski jedich auch politische und soziale Themen, indem er Bilder von historischen Ereignissen, sozialen Bewegungen oder auch persönlichen Empfindungen mit einbezieht. Und letztendlich nutzt er die Collage auch als Mittel, um die Komplexität der heutigen Welt darzustellen.

Laut Andrzej Urbanski genügt es ihm manchmal, eine Unregelmäßigkeit der Oberfläche zu bemerken, um einen ganzen Strom von verschiedenen mentalen Verbindungen aufzurufen, die in Richtung Dichtung und Literatur gehen, bildliche Erinnerungen evozieren oder die vergangenen persönlichen Erlebnisse wieder aufrufen. Dabei steht zunächst kein genaues Konzept in den Vordergrund, sondern die Idee selbst kann variieren und gar einer anderen Intention den Vorzug zu geben.

Das macht es gelegentlich schwierig, der Verwendung verschiedener Collagetechniken eine spezifische Charakteristik zuzuschreiben: mal können reine Farben für die Gestaltung der Oberfläche benutzt werden, mal kann es Tempera sein, mal wieder eine Mischtechnik verschiedener Elemente, wie etwa Tusche. Alle diese Elemente scheinen durch die Wahl der benutzten Grundlage – Papier in der unterschiedlichsten Form, Karton oder einfach ein Druckerzeugnis – das in die Collage integriert werden, die einzig mögliche Lösung.  Stets hat man das Gefühl, dass dies der einzige Weg war, um die Wirkung zu erfüllen, die Andrzej Urbanski beabsichtigte. Dies alles ist – summa summarum – eine grosse, bemerkenswerte Kunst. 



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