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Tschernobyl, später – Oliver Wolfs Fotografien in Heidelberg

Tschernobyl, später – Oliver Wolfs Fotografien in Heidelberg

Es gibt Fotografien in der Ausstellung TSCHERNOBYL von Oliver Wolf in der Heidelberger Stadtbücherei, die unter die Haut gehen. Da ist zunächst das Bild eines völlig „entkernten“ Lada,  irgendwo in einem Wald in der wohl noch unter der Quarantäne stehenden Region. Es blieb nur die nackte Haut übrig, Motor, Getriebe, Vorder- und Hinterachse sowie die Räder, alles andere ist ausgebaut. Welchen Gefahren man sich dabei ausgesetzt hatte, lässt sich heute nicht mehr einschätzten.

Tatsache ist, dass bis heute keine offizielle Entwarnung von der hohen radioaktiven Strahlung ausgegeben wurde. Das ganze Gebiet im Umkreis von 30 km rund um die Reaktorexplosionsstelle ist immer  noch stark kontaminiert. Viele – auch ausländische Wisenschaftler – wagen sich ohne einen Geigerzähler nicht, die Gegend zu betreten, denn nach wie vor ist dort die Gefahr zu groß, einer zu hohen Strahlung ausgesetzt zu sein.

Die Regierung in Kiew hat außerdem ein System der Überwachung und Kontrolle in die Wege geleitet, in dem Wissenschaftler den Reaktorzustand und die Umgebung immer wieder untersucht und teilweise auch Entwarnung gegeben haben. Das ist aber nach der russischen Invasion vorbei: die Wissenschaftler wurden entlassen, das Wachpersonal  wurde, falls ein Verdacht der Zugehörigkeit zur ukrainischen Armee bestand, verhaftet und deportiert in die russischen Gefängnisse. Da die anderen Blöcke offensichtlich immer noch funktionieren, hat man das wissenschaftliche ukrainische Personal dort gleich kaserniert und zur Wechselschicht (jeweils nach 3 Stunden) verpflichtet. Die russische Armee hat aus Unkenntnis sämtliche Wege umgepflügt, um eventuelle Fluchtversuche zu unterbinden….

Dem Westdeutschen Rundfunk ist es gelungen, eine Reporterin in diese Region zu schicken. Sie berichtete davon, dass die russischen Soldaten begannen die Erde umzudrehen, um Schutzwälle gegen einen eventuellen ukrainischen Eingriff zu bauen. Dabei ist die Strahlung so hoch gestiegen, dass viele wurden krank wurden. Nicht nachprüfbare Nachrichten sprechen von etwa 500.000 Menschen, die seit der Explosion erkrankt sind.

Ein altes Ehepaar ist innerhalb der 30 Kilometer Zone geblieben. „Diejenige von unseren Bekannten, die von hier wegezogen sind, sind längst tot. Ein Bewohner von Fukushima hat uns erzählt, dass nur diejenigen, die geblieben sind, gewöhnen sich an die Strahlung und Sterben nicht…“ Die Wissenschaftler schätzen den Strontium-Gehalt auf 100x höher als normal.

Oliver Wolf hat 2018, als er die Ukraine bereiste, mit einem Guide die Region um Tschernobyl bereist, und brachte von dort eine Serie von „lost places“ mit. Teilweise erobert sich die Natur das Terrain zurück, doch vieles ist einfach zerstört zurückgeblieben wie das Postamt von Pripyat oder das Krankenhaus, das Wolf „Eingang zur Hölle“ nennt. Keiner der Feuerwehrmänner, die hier als Erste durchgingen, hat die folgenden anderthalb Monate überlebt. In einem Kindergarten in Kopachi sind Puppen zurückgeblieben, eine mit einer Gasmaske drapiert. Wolf sieht in ihnen ein Symbol für die unschuldigen Opfer der Nuklearkatastrophe.

Die Ausstellung der Willibald-Kramm-Preis-Stiftung ist bis zum 19. September 2023 in der Heidelberger Stadtbibliothek zu sehen.

“Harbour of Chernobyl” – ein havariertes Binnenschiff

www.owolf-fotodesign.de

DIE FAKTEN                    

Am 26.4. 1986 explodiert der Reaktor 4 der KKW Tschernobyl. Die Explosion zerstört das anliegende Gebäude, das Feuer, das dabei entstand, wird erst am 4. Mai gelöscht. Die Wucht der Explosion wird auf der „Nuclear Event Scale“ mit 7 angegeben (wie in Fukushima).

Im Dezember 1986 bekommt der Reaktor einen Beton-Sarkophag. Er soll 30 Jahre halten. 2019 wird über diesen ein neuer gegossen. Dieser soll 2065 geräumt und die Stelle revitalisiert werden.

Seit 2019 rechnet man, dass etwa 200 000 Menschen Tchernobyl besucht haben können. Die genaue Zahl ist unbekannt.

Der Versuch einer Rettung des Reaktors und die anschließende Explosion lesen sich wie ein Krimi. Der Ausgang ist bekannt, was in Zukunft passieren wird, ist nach wie vor offen.



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