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Über den Begriff der Unendlichkeit – Lyonel Feininger in der Schirn Frankfurt

Über den Begriff der Unendlichkeit – Lyonel Feininger in der Schirn Frankfurt

Standen Sie jemals sprachlos vor einem Gemälde? Zugegeben, es passiert selten. So wie vor den Seestücken von Lyonel Feininger, weil Sie zufälligerweise im Eingang nicht rechts – wie man es normalerweise sollte, wenn man der Chronologie des Oeuvres von Lyonel Feininger folgt – sondern gleich im Ausstellungeingang links abbiegt – und sich völlig überwältigt inmitten seiner Seestücke befinden….

„Die Düne am Abend“ (1936) ist die Überraschung in der schön inszenierten Ausstellung des deutsch-amerikanischen Malers Lyonel Feininger (1871-1956), denn hier ist auf einmal zu spüren, was es bedeutet, dem Begriff der Unendlichkeit, der so rar in der heutigen Malerei ist, in diesem Azurbild auf die Spur zu kommen, das eine abendliche Stimmung an der Mündung des Flusses Rege in die Ostsee (heute Mrzezyno in Polen) zeigt. In der Strandlandschaft mit Dünen, über die abendliche Sonnenstrahlen gleiten, erkennt man erst auf den zweiten Blick,eine kleine, in der idyllischen Landschaft verlorene Figur als den eigentlichen Betrachter dieser Unendlichkeit des Lichts, mit dem man sich sofort identifizieren kann. Und es ist dieses Licht in den verschiedensten Variationen, das die gesamte Ausstellung auszeichnet, als ob man zunächst die Harmonie des Lichts vor die Harmonie der Formen (und diese sind extrem wichtig in Feiningers Oeuvre) stellen wollte.

Die Familie Feininger hat sich an diesem kleinen Badeort Deep seit 1924 vor allem wegen der unberührten Küstenlandschaft sofort heimisch gefühlt. Als der Maler dann 1936 eine neue Variation dieser Düne entwarf, ist das Spiel der verschiedenen Blautöne (und sich darin einmischenden weißen Wolken) keine platte Abbildung der banalsten Attribute einer Meereslandschaft, sondern die Interferenz verschiedener Sichtebenen, die das abendliche Gleiten der Sonne mit verursacht, am deutlichsten zu sehen in dem linken Bildabschnitt. Das sind die eigentlichen Räume der Unendlichkeit, die das Bild suggeriert.

Lyonel Feininger (1871–1956)Dünen am Abend, 1936 Oil on canvas48 x 77.5 cm

Lyonel Feininger, Dünen am Abend, 1936, Öl auf Leinwand,
Rahmenmaß 48,5 x 77,5 cm, Privatsammlung, Courtesy Moeller
Fine Art, New York, © VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Dies lässt sich als Referenz an Caspar David Friedrichs Gemälde Mönch am Meer deuten, doch ist es für Feininger selbst irrelevant. Er selbst bekräftigte, dass er erst viel später Friedrich bewusst rezipierte und dass es in seinem Bild um eine ganz andere Dimension geht: nicht also um den Gegensatz „Natur-Zivilisation“, sondern um die Wirkung des Lichts und seiner malerischen Wiedergabe, die jenes für Feininger überwältigendes Gefühl der Unendlichkeit wiedergibt.

Übrigens findet man auch in dem 1932 entstandenen Bild „Die Beleuchtete Häuserzelle II“ (1932) ähnliche Lichtreflexe wie in seinen „Düne am Meer“. Diesmal sind es offensichtlich weiße Reflexe der dahingleitenden Wolken, die man noch am nächtlichen Himmel beobachten kann. Überhaupt ist das Spiel mit  genau bestimmten dunklen und hellen Bildpartien ein Hinweis darauf, dass es Feininger um eine möglichst dynamische Wiedergabe der Landschaft geht und dazu gehört selbstverständlich auch die Bewegung der Wolken, die schon immer auch in seinen Architekturbildern eine Rolle spielten: die Wolke ist daher  eine genau bestimmter Farbraum in mehr oder minder prononciertem Weißblau, die aber nicht eindeutig den Umrissen der Gebäude umfasst, sondern sich auch wie ein sich in vertikaler Richtung bewegender „Schatten“ fortsetzt.

In der Frankfurter Ausstellung ist selbstverständlich auch die große Palette der Kirchen, der Feininger mit seiner Gelmeroda Serie eine besondere Aufmerksamkeit widmete, vertreten. Der Maler hat Kirchen in 10 Gemälden,  über 25 Zeichnungen und Skizzen wie auch 14 Holzschnitten festgehalten. Zwischen 1906 und 1919 hielt sich Feininger mehrmals in Weimar auf und erkundete die Umgebung vor allem mit seinem Fahrrad.

Feininger, Lyonel

Lyonel Feininger, Gelmeroda VIII, 1921, Öl auf Leinwand, 100,3 x
80,3 cm, Whitney Museum of American Art, New York; Erwerb
53.38a-b, © VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Die erste Zeichnung der kleinen Kirche in dem neben Weimar liegenden Dorf entstand im Juni 1906. Auffällig dabei war die Betonung des sehr spitzen Kirchturms, der sich in den weiteren Arbeiten wiederholen wird. Mag sein, dass die Konstellation mit der im Vordergrund stehenden Fichte (in einem Foto um 1930 ist sie schon mächtig gewachsen) ein kleines Signal für Feininger war: er entdeckte mit 19 Jahren sein besonderes Interesse an den engen Gassen der mittelalterlichen Städte in Belgien, sowie die besondere Architektur dortigen historischen Bauten. Man kann sich leicht die Überraschung des jungen Mannes vorstellen, der gerade aus New York angereist ist.

Tatsache ist, dass er das große Gemälde Gelmeroda 1 schon 1913 schuf und der Kirche noch 1955 eine Lithographie (aus dem Gedächtnis) widmete. Betrachtet man all die unterschiedlichen Wege betrachten, sowohl in seinen „Notizbüchern“ wie auch in den Variationen in seinen Gemälden, dann bedeutete die erste zeichnerische Begegnung mit einem sehr einfachen Kirchenbau die Öffnung eines „Resonanzbogens“, der knapp ein halbes Jahrhundert lang sowohl die theoretische wie auch die zeichnerische und malerische Praxis beinahe tagtäglich bestimmte.

Auf jeden Fall würde man sich sehr wünschen, eines Tages sowohl die Gemälde wie auch die Zeichnungen, Lithografien und die Fotografien dieser so aufregenden Entwicklung en toto zu betrachten. Allein das Titelblatt des Manifests des Staatlichen Bauhauses in Weimar (1919) ist ein wichtiger Teil der theoretischen Überlegungen (und praktischen Ausführungen) Feiningers, der geschichtliche Erkenntnisse verarbeitet, von der Praxis der Bauhütte über die Freimaurersymbolik und die Beachtung der bautechnischen Formen, sowie die daraus resultierenden Metaphern der „sittlichen Arbeit am Individuum“ (Ute Ackermann, „Bauhaus-Kathedrale“, Katalog, S. 83). Zweifellos hat auch die Begegnung mit Robert Delauney dazu beigetragen, das Licht als wichtigen Grund für die Anordnung der Bauteile zu berücksichtigen.

Die Fotografie

Die große Ausstellung Feiningers mit 137 Werken in Berlin (1998) und München (1999) hatte das umfangreiche fotografische Werk des gebürtigen Amerikaners ausgeklammert. Dabei hat er an die 20.000 fotografische Bilder geschaffen und in der letzten Lebensperiode mit Diapositiven experimentiert – an der Harvard University, wo sein fotografisches Werk aufbewahrt wird, zählt man 6000 Diapositive, die er zu verschiedenen Studien über die Lichtwirkung in der (Farb-)Fotografie benutzte. Summa sumarum lässt sich sogar von einer 60jährigen fotografischen Praxis sprechen, auch wenn der entscheidende Impuls am Dessauer Bauhaus vermutlich von L. Moholy-Nagy und seiner Frau Lucia, die von dem Direktor des Bauhauses Walter Gropius, 1923 abs Bauhaus berufen wurden, ausgingen.

Feininger stand der Fotografie zunächst sehr skeptisch gegenüber. Noch 1925 schrieb er an seine Frau Julia: „… dies sei furchtbar und das Ende jeglicher Kunst.“ Seine beiden Kinder Andreas und T. LUX hatten schon mit Kodak (You press the button, we do the rest) zu fotografieren begonnen, was ihn natürlich zunächst darin bestätigte, dass dies eine photomechanische Tätigkeit sei und keine Kunst. Doch bald änderte er seine Meinung und verstand rasch, wie wichtig die Wahl des passenden fotografischen Papiers (und Materials) für das Endergebnis ist.

Im November 1928 machte Feininger eine wunderbare Serie von Nachtaufnahmen der Burgkühnauer Allee bei Glatteis und Nebel, die man auch heute ohne weiteres ausstellen könnte. Dazu kommt eine Reihe von Experimenten mit Doppelbelichtung, Bildreflexionen und Spiegelungen – kurz, eine grundlegende Umkehr von seiner anfänglichen Skepsis. Dass möglicherweise auch die „Lichtverschiebungen“ in seinen Bildern eine eventuelle Quelle (oder zumindest Bestätigung) hier haben dürften, davon zeugt die Aufnahme „Lokomotive, sehr dunkel gegen den Himmel abgesetzt, stark dampfend, mit einer außergewöhnlich stimmungsvollen Wirkung, Dessau, 1929/30“, (s. 173 im Katalog): Das helle, einfallende Licht macht genau abgestimmte geometrische Streifen in dem Foto sichtbar – ähnlich den Wolken-Streifen in seinen Gemälden….

Die Schirn Ausstellung glänzt mit einer wunderbar arrangierten Lichtregie, die den Bildern die originale Leuchtkraft wiederzugeben scheint. Was hier so gut gelingt, gelingt weniger gut in den Katalogabbildungen zu dieser Ausstellung. Gegenüber der Ausgabe von Berlin und München (1998) wirken sie leider eher stumpf.

Lyonel Feininger, Retrospektive, bis 18.2. 2024, Kunsthalle Schirn in Frankfurt, Katalog  39,- €



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